Die Zeichnungen


Einführung von Heiner Hammerschlag

Manfred Bockelmanns dunkle Kinder- und Jugendportraits gehen unter die Haut. Sie zerreißen dem Betrachter das Herz, machen ihn fassungslos, erfüllen ihn mit Trauer und Wut. Gesichter von Mädchen und Buben im Alter von zwei bis sechzehn Jahren, mit brüchigem Kohlestift in eng gesetzten horizontalen Linien auf grobe Jute gezeichnet, im eindrucksvollen Großformat von 150/110 Zentimeter. Kein Antlitz zeigt den Anflug eines Lächelns. Wie denn auch? Die Haare sind kurz geschoren, die Gesichtszüge ernst und starr, die Blicke unsicher, die Seelen voll böser Ahnungen. Ihre Oberkörper stecken in schwarz-weißen, längs gestreiften Sträflingsdrillichen. Auf manchen ist die Häftlingsnummer deutlich lesbar, der gelbe oder rote Stern gut zu sehen. Neben den Einzelportraits gibt es Gruppenbilder mit Szenen von der Ankunft in den Lagern oder aus dem Lageralltag.

Die Portraits zeigen Kinder und Jugendliche die in Auschwitz-Birkenau, am Wiener Spiegelgrund, in Hartheim, in Theresienstadt, in Mauthausen und an vielen anderen Schreckensorten Opfer der Nationalsozialisten wurden. Sie wurden zwischen 1941 und 1945 ermordet. Sie wurden ermordet, weil sie Juden, Zeugen Jehovas, kompromisslose Christen, Slawen, Roma oder Sinti waren, ihre Eltern politischen Widerstand leisteten oder sie an körperlichen oder geistigen Gebrechen litten. Der Rassenwahn des Dritten Reiches erklärte sie zu „Volksschädlingen“, die es auszumerzen galt, um die „Reinheit des deutschen Arier-Blutes“ zu gewährleisten. Die Vorlagen für die meisten Portraits sind sogenannte erkennungsdienstliche Aufnahmen, die bei der Ankunft in den Lagern gemacht wurden. Die Abgebildeten sehen gleichsam ihren Mördern in die Augen. Die im Lager Fotografierten spüren das. Die anderen, vornehmlich Roma und Sinti, ahnen nichts. Unter dem Vorwand, „das Zigeunerleben zu dokumentieren‘‘, werden sie, noch in Freiheit, behördlich aufgefordert, sich zum Fototermin zu melden. In Wahrheit geht es darum, vermeintliche Beweise zu sammeln für die „rassische Minderwertigkeit“ dieser Menschen. Die Kinder haben ihre schönsten Gewänder angezogen, möchten einen guten Eindruck erwecken, machen fröhliche Mienen zum bösen Spiel. Sie wissen nicht, dass es tödlicher Ernst ist, dass es sich hier gleichsam um ein „Casting“ für die Todeslager handelt, in die sie allesamt bald eingeliefert werden. Neben den Portraits der genannten Opfergruppen gibt es noch solche, denen Fotografien  aus Familienalben als Vorlagen dienen. Diese Portraits zeigen Gesichter ohne Angst und Ungewissheit, sind sie doch Momentaufnahmen der Unbeschwertheit. Viele der später Ermordeten hatten diese Fotos zu ihren Habseligkeiten gepackt, als sie die Transporte in die Lager antraten. Kostbare Erinnerungen an schönere Tage. Der Künstler zeichnet diese Portraits auf die Rückseiten  der Leinwände, wodurch ein neuer farblicher Grundton und somit eine deutliche Unterscheidung entsteht.

Manfred Bockelmann hat bislang etwa 130 dieser monumentalen Portraits angefertigt. Viele weitere sollen folgen. Er sagt: „Ich werde dieses Werk so lange fortführen wie ich arbeiten kann“. Natürlich kann er,  angesichts der abertausenden Ermordeten, nur eine geringe Anzahl portraitieren. Er nennt sie „ein paar Tränen im Meer der Opfer“. Trotzdem: Er muss es tun und nennt  sein Projekt  Zeichnen gegen das Vergessen. Es geht ihm darum, „zumindest einigen wenigen Namen und Nummern Gesichter zu geben, ein paar Menschen aus der Anonymität der Statistik herauszuheben“. Mit den Mitteln seiner Kunst fördert  Bockelmann die Opfer aus dem Dunkel der „Verdrängnis“ und des Vergessens ans Licht und führt uns das Monströse des gleichsam legalisierten Verbrechens auf subtile Art vor Augen. „Ich zeige keine Märtyrer, keine Leichenberge und keine geschundenen Kreaturen, deren Gesichter von Hunger, Krankheit, Folter und Erschöpfung gezeichnet sind, die ihrer Individualität beraubt wurden. Ich zeige Individuen, denen das Martyrium noch bevorsteht.“ Mit dieser formalästhetischen Entscheidung bedient Bockelmann ein didaktisches Konzept. Er geht davon aus, dass sich „mit dem Gräuel niemand wirklich identifizieren kann. Wir ertragen das allzu Schreckliche nicht und schauen weg“. Die Portraits zeigen schlicht und einfach verschiedene junge Menschen, das Entsetzen entsteht erst durch den mörderischen Kontext. Und da ist noch der Aspekt der Dauerhaftigkeit: „Bilder werden nicht so leichtfertig entsorgt wie Fotos oder Bücher“, sagt er, „nicht einmal die Nazis haben die sogenannte, entartete Kunst vernichtet. Sind sie einmal in der Welt, bleiben Kunstwerke meist lange dort.“

Manfred Bockelmann

Maler und Fotograf

Der Künstler

Gegen das Vergessen

„Ich möchte diese Kinder zurückholen aus der Dunkelheit und ich werde meine Portraits weiter zeichnen, solange ich kann.“ 
Manfred Bockelmann

Die Erinnerung weitertragen

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