Der im Kriegssommer 1943 in Klagenfurt geborene Manfred Bockelmann ist eine künstlerische Mehrfachbegabung. Er ist erfolgreich als Kunstfotograf, Filmer, Maler, Installationskünstler, Bildhauer und er spielt Klavier. Darüber hinaus ist er ein geistvoller Redner, was spätestens seit seinen leidenschaftlichen Worten über die herrschende politische Unkultur, die in Kärnten unter Landeshauptmann Jörg Haider entstanden war, auch einem größeren Publikum bekannt ist. Sein Oeuvre ist vielfältig, hierzulande ist er vor allem für seine teils großformatigen, farbigen oder monochromen Landschafts- und Horizontabstraktionen bekannt. Bockelmann gilt in der Kunstszene nicht als „Revoluzzer“. Beim flüchtigen Hinsehen erscheint seine Malerei unaufgeregt, harmonisch, phantasievoll, unpolitisch, jedenfalls der Schönheit und Leichtigkeit verpflichtet. Der Wiedererkennungswert seines Stils ist ausgesprochen hoch. Bockelmann verfügt über die Gabe des perfekten Blickes für das Schöne im scheinbar Banalen. Mit seinen künstlerischen Mitteln macht er das auch für den Betrachter sichtbar. Und ausgerechnet dieser Mann unternimmt das Wagnis – den siebzigsten Geburtstag vor Augen und allen Gesetzen des Kunstmarktes zum Trotz – hinabzutauchen in die Tiefen des Grauens der jüngeren heimischen Geschichte.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt, dass Bockelmanns Kunst so harmlos und unpolitisch nicht ist. So spiegeln sich seine Reaktionen auf Stimmungen, Ereignisse und Verhältnisse in der Welt durchaus in seinem Werk. Es sind keine großen, marktschreierischen Gesten, es sind leise Wandlungen, die in formalen Konsequenzen ihren Ausdruck finden: So verliert er im Nachhall der verheerenden Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington die Freude an der Farbe. Für einige Zeit arbeitet er ausschließlich monochrom. Schwarz. Er übermalt Tageszeitungen mit dicken, schwarzen, parallel geführten Linien, unter denen gelegentlich Informationsfetzen hervorscheinen. Man entdeckt Hinweise auf Börsenkurse, Volksaufstände, Naturkatastrophen ebenso wie Windel- oder Hundefutterwerbung. Dies manchmal auf derselben Seite, somit für alle gleich gültig und gleichgültig obendrein. Die Balken vor den Augen des Betrachters sind gleichsam Raster der Ungenauigkeit und des Vergessens. Sie versinnbildlichen die Beschränktheit der Wahrnehmung. Der Verlust der Farbe führt den Maler zur gründlichen Erkundung der diversen „Materialitäten“ des Schwarzen. Über Öl, Tinte und Tusche führt der Weg zur Kohlezeichnung, der seiner Ansicht nach „wohl archaischsten Form der Malerei“. Die hier begonnene Technik der Übermalung mittels schwarzer, parallel geführter Linien – geologischen Schichtungen gleich – markiert die formale Sprache, die als Voraussetzung für den Ausdruck der „dunklen Portraits“ gelten kann.