Im Herbst des Jahres 2010 besuchte uns Manfred Bockelmann in Maria Saal. Er kam als Hilfesuchender, denn eine Idee hatte ihn ergriffen und er suchte nach Möglichkeiten, ihr gerecht zu werden. Er holte weit aus, erzählte vom „drohenden Siebziger“ und dem damit einhergehenden Ausstellungsreigen. Zu unserer Verblüffung sprach er davon, dass er im Angesicht einer möglichen Rückschau auf das Lebenswerk eine gewisse Unzufriedenheit empfinde. „Es fehlt etwas wirklich Wichtiges“, sagte er, „etwas, das Bestand und Bedeutung hat.“ Unsere lobenden Hinweise auf seine Arbeit wischte er mit einer abwehrenden Geste vom Tisch, dann berichtete er von seiner Idee.
Er war ziemlich aufgeregt, als er erzählte, dass eines Nachts unvermutet eine Frage auftauchte und ihm den Schlaf raubte. Die bange Frage, was denn mit anderen Kindern seiner Generation geschehen war, mit jenen, die es nicht so gut getroffen hatten, die quasi „in der falschen Wiege“ lagen? Sommer 1943. Trotz der Kriegswirren hatte es die großbürgerliche Familie Bockelmann die längste Zeit relativ gut, von Krieg, Not und Verbrechen blieb sie weitestgehend unberührt. Der deutschstämmige, bis zu seinem zehnten Lebensjahr in Moskau beheimatete Vater, Rudolf Bockelmann, war Gutsherr in Mittelkärnten, Mitglied der NSDAP seit 1939 und Bürgermeister der Gemeinde Ottmanach. Sein ausgedehnter landwirtschaftlicher Betrieb galt als „kriegswichtig“. Rudolf Bockelmann war wohl kein verbissener Nationalsozialist, hatte sich aber mit der braunen Macht arrangiert. Erst zu Kriegsende fiel er bei der Partei in Ungnade, wurde als Deserteur in Gestapo-Haft genommen und mit der Todesstrafe bedroht. Aus Furcht vor heranrückenden Partisanenverbänden hatte er seine Familie auf abenteuerliche Weise in die vermeintlich sichere Lüneburger Heide zum Stammsitz der Bockelmanns gebracht. Seitens der Gestapo wurde das als Fahnenflucht gewertet. Das Kriegsende verhinderte ein Urteil. Baby Manfred war in jenen Tagen wohlbehütet und bestens versorgt. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre haben ihn natürlich geprägt, nachhaltig traumatisiert haben sie ihn nicht.
Die Katastrophen und Abgründe vor und hinter den Fronten des Zweiten Weltkrieges sind seit Jahrzehnten Zentralthemen zeitgenössischer europäischer Kunstproduktion. Dass das im deutschsprachigen Raum mit besonderer Vehemenz der Fall ist, versteht sich von selbst. Auf Anfrage nimmt der Staatsbürger Manfred Bockelmann klar Stellung, aber „ich wollte mich auch als Künstler äußern“, sagt er, „doch dem Thema Holocaust fühlte ich mich nicht gewachsen.“ Und plötzlich, fast ein Lebensalter später, sind da diese Fragen: „Wie ist es anderen Kindern in Kärnten ergangen? Wer sind die, die es viel schlechter getroffen hatten als ich? Und warum?“ Und weil die Fragen immer wiederkehren und zu bohren beginnen, beginnt er nachzufragen.
1943 läuft die Vernichtungsmaschinerie der Nazis bereits auf Hochtouren. Das ist der Ausgangspunkt. Manfred Bockelmann will von den jugendlichen Opfern aus seiner Heimat erfahren, will ihre Geschichten hören und sich ihnen zeichnerisch nähern. Portraits sollen es werden. Großformate. Schwarze Linien. Kohle. Aber er hat keine Grundlagen, keine Kontakte, keine Fotos. Deshalb ist er heute hier, um mich zu ersuchen, bei der Materialbeschaffung zu helfen.
In meiner Bibliothek fand sich neben einigen themenverwandten Werken das Buch von Alwin Meyer Die Kinder von Auschwitz3. Darin abgebildet sind etwa dreißig Fotografien, Ergebnisse der erkennungsdienstlichen Arbeit der nationalsozialistischen Lager-Bürokratie. Sie zeigen die Gesichter von Jungen und Mädchen, die im Lager Auschwitz ermordet wurden.
In den darauffolgenden Tagen und Wochen setzte Manfred Bockelmann alle Abbildungen in großformatige „dunkle Portraits“ um. Gezeichnet mit Kohle, der Asche verwandt, jener Substanz also, die von den Unglücklichen übriggeblieben war, nachdem ihnen von den grausamen Schergen dieses „Meisters aus Deutschland ein Grab in den Wolken“ bereitet worden war, wie es in Paul Celans berühmter Todesfuge heißt. In dieser Zeit besuchte er uns oft und brachte Fotos der neu entstandenen Arbeiten mit, die allen anderen – auch der Familie – zunächst verborgen blieben. Er berichtete von schlechten Träumen und dass er daher nur vormittags an den Portraits arbeiten könne. Nachmittags müsse er für Ablenkung im Kopf sorgen. Er beschloss, „diese Bilder dem Kunstmarkt vorzuenthalten. Sie sollen nicht zur käuflichen Ware werden. Leihgaben sind möglich, aber Geld fließt dafür nicht durch meine Hände, Gedenkvereinigungen können Begünstigte werden“. Damit war Zeichnen gegen das Vergessen von Beginn an als Non-Profit-Projekt konzipiert. Kein Portrait ist käuflich zu erwerben, aber etliche Stiftungen fanden und finden statt. Ich schenkte ihm zwei Bücher: Weiter leben von Ruth Klüger5 und Imre Kertész‘ Roman eines Schicksallosen, für mich zwei Schlüsselwerke für die Annäherung an das Unbegreifliche.
Die Fotos der Kinder von Auschwitz zeigen Opfer verschiedener Nationalitäten. Kärntnerinnen und Kärntner sind nicht darunter. Damit war das Projekt nicht auf österreichische Regionen beschränkt, sondern stand vom ersten Moment an in einem größeren, einem europäischen Rahmen. Um den Ursprungsgedanken nicht außer Acht zu lassen, begab ich mich auf die Suche nach Menschen, die mit der „dunklen Seite“ der Kärntner Geschichte bestens vertraut sind. Ich fand sie im Universitätslehrer Peter Gstettner, der Historikerin Nadja Danglmaier und dem Wissenschaftler Helge Stromberger. Gemeinsam besuchten wir den Künstler in seinem Atelier. Im Angesicht von zehn Portraits und Manfreds leidenschaftlichen Ausführungen zeigten sich die Wissenschaftler tief beeindruckt und öffneten ihm bereitwillig ihre Archive. Als besonderer Glücksgriff entpuppte sich der Kontakt zu Peter Gstettner, da dieser das riesige Archiv des Karl Stojka7 verwaltet und dem Künstler freien Zugang zu einer Vielzahl von Motiven ermöglichte.
Dank Gstettner und anderer hilfsbereiter Menschen, die Manfred Bockelmann anlässlich seiner Besuche in polnischen, deutschen, slowenischen und österreichischen Gedenkstätten kennenlernte, verfügt er nun über genügend Vorlagen, um sein Großprojekt zu verwirklichen. Bezüglich der Kärntner Situation bleibt die Quellenlage allerdings dürftig, obwohl hier mindestens 100 Kinder und Jugendliche dem NS-Rassenwahn zum Opfer fielen. Slowenen, Juden, Roma, Sinti und auch reinrassige, aber verschiedentlich behinderte Deutsch-Kärntner, deren unwertes Leben im Rahmen des rigorosen Euthanasieprogramms des Deutschen Reiches gewaltsam ausgelöscht wurde. Allerdings gehört das Bildnis zweier Kinder aus Klagenfurt zu jenen Portraits, die den genuinen Wahnsinn jener Denkungsart besonders eindrücklich illustrieren: Die jüdischen Geschwister Peter und Evi Preis, nebeneinander stehend. Herzige, freundliche Kinder, etwa vier und fünf Jahre alt, blond gelockt, pausbackig, in Lederhosen und weißen Stutzen. Ein Bild, das in seiner Form damals durchaus als Werbung für das „deutsche Jungvolk“ hätte dienen können. Aus Furcht vor dem nahenden Unheil beschloss die Familie auszuwandern, wurde aber behördlich daran gehindert und schließlich im KZ- Auschwitz ermordet. Ihr gesamtes Hab und Gut wurde arisiert.
Manfred Bockelmann hat sich mit ganzer Kraft seiner Aufgabe gewidmet und ist dabei zum gelehrten und gut vernetzten historischen Fachmann geworden. Dem Künstler sage ich dreifachen Dank: Als kulturaffiner Mensch danke ich ihm dafür, dass er dieses Opus magnum begonnen hat und fortführt. Ein Werk, das keiner Kollektiv-Schuld das Wort redet, sondern die Kraft hat, eine Art kollektiver Scham hervorzurufen. Scham auf Seiten der deutschen und österreichischen Nachgeborenen dafür, dass die Mehrheit der damaligen Landsleute fest hinter der NS-Politik stand. Aber auch Scham bei den Nachkommen anderer Mächte dafür, dass sich vielerorts Kollaborateure, Verräter und Denunzianten fanden, die es ermöglichten, dass auch Polen, Slowenen, Franzosen, Italiener, Dänen, Kroaten, Ungarn, Griechen, Letten und Angehörige anderer Nationalitäten Opfer des Faschismus wurden. Als Patriot, der oftmals unter den regelmäßig ertönenden braunen Urlauten im Kärntnerland leidet, bin ich dankbar dafür, dass es ein Landsmann ist, der diese bemerkenswerte Arbeit – Erinnerung, Warnung und Aufruf zur Mitmenschlichkeit – von hier aus leistet. Und dem Freund danke ich sehr herzlich dafür, dass ich das Privileg genießen darf, dabei ein wenig mitzuhelfen.